Enough is enough.

By Sandy - Donnerstag, Juni 11, 2020

Ich habe mich in der Vergangenheit bereits mehrfach mit diesem Thema auseinandergesetzt, doch habe jedes Mal gezögert, diese Sachen zu veröffentlichen. Der aktuelle Anlass hat mich aber ehrlicherweise etwas gestärkt und ich werde in Zukunft auch online ganz offen und publik über dieses Thema sprechen, da ich es nicht mehr für mich behalten kann. Ich hoffe, ihr nehmt euch etwas Zeit und lest euch diesen, wahrscheinlich etwas längeren Post durch.
Ich habe viele Kommentare gelesen, die fragten "wieso jetzt?". Wieso äußern sich viele Menschen gerade jetzt zu diesem Thema? Die Antwort darauf habe ich ehrlich gesagt nicht, denn Rassismus hat immer existiert und ist präsenter denn je. Vergessen wir nicht die Morde von Halle oder Hanau, die nicht all zu lange her sind. Jedes Mal, wenn ich so etwas nur lese, brodelt es in mir. Ich kann die Wut vieler schwarzen Bürger verstehen, auch wenn die deutliche Mehrheit sehr friedlich protestiert. Aber irgendwann reicht es, und immerhin sind materielle Schäden nichts im Vergleich zu einem Menschenleben. Ich rede mit sehr wenigen Menschen über dieses Thema, da ich mich sehr alleine damit fühle. Trotz meinem kulturellen Hintergrund habe ich es geschafft, einen Uniabschluss zu machen und kann in einem großen Unternehmen arbeiten, wo ich genug verdiene, um mir nicht täglich Sorgen um meine Existenz machen zu müssen und darauf bin ich sehr stolz. Aber gerade in diesen Umfeldern wird mir erst richtig bewusst, dass Menschen wie ich die deutliche Minderheit darstellen. Über Rassismus wird sehr selten bis gar nicht geredet und ich sehe nicht, dass sich in diesem Umfeld viel mit dem Thema auseinandergesetzt wird. Wenn ich dann ankomme und ihnen von meinen Erfahrungen erzähle, komme ich mir dumm vor. Die seltenen Male, wo ich es trotzdem getan habe, kriege ich nur Sprüche wie "ach, so war das doch gar nicht gemeint" zu hören. Aber Fakt ist, du wirst niemals wissen, wie es sich anfühlt, Rassismus zu erleben, wenn du weiß bist. Ich kann leider nicht sagen, ich bin weiß und privilegiert, weil ich nicht weiß bin. Ich kann sagen, dass ich das Privileg habe, in einem Land zu leben, wo ich größtenteils abgesichert bin und keine Angst vor der Polizei haben muss aber das ändert nichts an dem Kern des Problems. Rassismus existiert überall, es gibt keine mildere oder schlimmere Form von Rassismus, da es schlichtweg falsch ist. Ich stehe voll und ganz hinter meinen schwarzen Mitbürgern und möchte ihnen sagen, dass ich mit ihnen in einem Boot sitze, ohne die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Es ist nicht die Zeit "All lives matter" zu sagen, da es nicht darum geht! Black lives matter. Darum geht es im Moment. Trotzdem möchte ich euch nun von einigen meiner persönlichen Erfahrungen mit Rassismus berichten, um ein besseres Verständnis zu erzeugen.

Ich werde immer wieder mit dem Vorurteil konfrontiert, dass alle Asiaten gleich aussehen würden. Einmal wurde ich von einer ehemaligen Kollegin mit einer anderen, chinesischen Kollegin verwechselt. Sie ist ein paar Jahre älter, trägt die Haare komplett anders als ich und arbeitet nicht mal im selben Bürokomplex aber naja. Dass so etwas vorkommt, damit rechne ich mittlerweile. Das ist aber nicht der für mich bemerkenswerte Teil, denn ein paar Tage später erzählte ich ein paar anderen Kolleginnen von dieser Erfahrung. Ich habe es in einem sehr lockeren Ton erzählt, da ich bereits etwas über diese Sache lachen konnte. Die Reaktion überrascht mich jedoch, denn sie sagten "Ja, kein Wunder, dass sie dich verwechselt, ihr seht ja auch total gleich aus. Beide klein und dunkle Haare". Wie bitte?? Ich kann doch auch zwei Menschen voneinander unterscheiden obwohl sie Arme und Beine haben! Viele Menschen denken nicht über ihr Gesagtes nach und so eine Aussage ist einfach rassistisch, nicht mehr und nicht weniger. Und jeder, der dies anzweifelt ist selbst rassistisch. Ich wurde leider sehr zur Ruhe erzogen und nicht dazu, eine laute und starke Präsenz zu haben. Aus diesem Grund traue ich mich auch oft nicht, mich zu wehren, aus Angst vor einer negativen Reaktion, obwohl so eine Aussage bereits die unterste Schublade ist. Aus "Höflichkeit" fühle ich mich oft gezwungen, dann mitzulachen und so zu tun, als würde es mir nichts ausmachen, doch ich denke ja noch heute darüber nach. Und leider kenne ich viele Asiaten, denen es genauso geht. 
Ein paar Monate später, als die Corona-Pandemie auch in Deutschland angekommen ist, war das ganze natürlich noch schlimmer. Damals ging es gezielt um Rassismus gegen Asiaten und asiatisch-aussehenden Menschen, egal welcher Herkunft. Daran sieht man erneut, dass für viele Asien scheinbar ein Land ist und es nur eine einzige Kultur in Asien gibt. Viele Asiaten mussten mit Anfeindungen kämpfen, wurden als Seuche beschimpft und auch teilweise körperlich angegriffen, asiatische Restaurants und Läden wurden weniger besucht, und und und. Ich musste mir Geschichten aus meinem eigenen Umfeld anhören, wie sich Leute von meinen Verwandten weg saßen. Ich dachte bis zum Schluss, dass ich Glück hätte, in einer relativ kulturell offenen Stadt zu leben, wo mir so etwas persönlich nicht widerfährt, doch dies wurde widerlegt als ich an einem Tag in der Mittagspause etwas spazieren ging und als ich wieder kam von einer Gruppe Jugendlicher als Coronavirus beleidigt wurde. Ich wollte einfach nur friedlich spazieren gehen, hatte sogar Musik im Ohr und dachte mir nichts dabei, bis mein gesamter Tag von einer einzigen Tat ruiniert worden ist. Es sind nur ein oder zwei wenige Worte, doch glaubt mir, sie lösen so viel in mir aus. In dem Moment sahen diese Leute mich nicht als einen Menschen, sondern als einen Virus. Sie sehen nicht den Menschen, sondern die Hautfarbe. Wieder konnte ich mich nicht verteidigen, da diese Leute gezielt Situationen wählen, in denen man selbst viel zu perplex ist, um die Lage zu durchblicken. Wieder hielt ich all die Wut inne, aus Angst, dass mir niemand zuhört und oben genannte Sprüche kommen. Glücklicherweise bin ich noch in keine körperliche Auseinandersetzung geraten, doch das ändert rein gar nichts an der Tatsache, dass Rassismus ein großes Problem ist, das immer noch existiert.

Es macht mich so froh zu sehen, wie viele neue Unterstützer diese ganze Bewegung bekommen hat. Lange genug mussten Schwarze alleine für ihre Rechte kämpfen und bekamen wenig Unterstützung von Weißen. Stellt euch nur mal vor, dass Bücher von ehemaligen Sklaven immer eine "Bestätigung" von einem Weißen gebraucht haben, um zu beweisen, dass die Erlebnisse und Erfahrungen dieser Sklaven auch wahr sind. Rassismus ist keine Sache, die man infrage stellt! Ich finde es so wichtig, für dieses Thema zu kämpfen, auch wenn man selbst keine Erfahrungen damit gemacht hat, denn Rassismus betrifft uns alle! Es ist einfach egoistisch, wegzuschauen, denn es geht um Ungerechtigkeit. Ich habe keine große Reichweite, doch möchte ich jede Reichweite nutzen, um über dieses Thema zu sprechen. Auch wenn ich weiß, dass diejenigen, die das lesen, sowieso nicht rassistisch sind, habe ich eine Bitte an euch: schaut nicht weg und setzt euch dafür ein
Wenn ihr in eurer Familie, im Freundeskreis etc. Menschen habt, die so eine Haltung haben, diskutiert mit ihnen, hinterfragt und klärt sie auf. Hört Menschen zu, die euch von ihren rassistischen Erfahrungen erzählen und bestärkt sie. Wenn ihr rassistische Äußerungen hört, geht dazwischen und lasst das nicht einfach so im Raum stehen. Und wenn ihr selbst merkt, dass ihr eine verschlossene Haltung habt oder selbst eigentlich nicht so viel über dieses Thema wisst, bildet euch weiter, lest Bücher und wissenschaftliche Texte, z.B. über die Geschichte Amerikas, schaut Filme, die euch aufklären. Es gibt so viel, das ihr tun könnt.
Niemand wird als Rassist geboren, diese Haltung entsteht durch Erziehung. Umso wichtiger ist es deshalb, gerade die jungen Menschen zu Offenheit und Toleranz zu erziehen und das hat unsere Generation nun in der Hand. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es niemals zu spät ist! Denkt nicht "meine Oma ist schon so alt, die wird ihre Meinung eh nicht ändern", nein! Wahrscheinlich hat es nur niemand aktiv versucht. Ich wünschte, ich könnte viel mehr tun als euch diese Worte mitzugeben aber ich weiß nicht wie, deshalb hoffe ich sehr, dass ich damit trotzdem etwas erreichen kann.


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2 Kommentare/ Read More

  1. Ein toller und wichtiger Post! Leider so traurig und erschreckend, was in Bezug auf Rassismus abgeht :(

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  2. Very interesting post! ✔️✔️✔️ Have a great day ! 💮💮💮

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