Depression.

by - Sonntag, Juni 17, 2018


Es begann im Jahre 2011, als ich 16 Jahre alt war. 
Man ist mitten in der Pubertät und im Körper passiert so viel, das man nicht versteht. Ich wusste nicht wer ich war und habe mich selbst nicht verstanden. Ich habe versucht, mich anderen anzupassen, nur um dazu zugehören. Doch jede Kleinigkeit hat mich traurig gemacht und nichts im Leben hatte einen Sinn mehr. Es muss nicht immer einen Auslöser für etwas geben, doch ich selbst vermute, dass das Mobbing in der Schule und meine familiären Probleme zu meinen Depressionen beigetragen haben. Ich habe jeden Tag geweint und saß meist abgeschottet in der Ecke, denn niemand will mit jemandem befreundet sein, der die ganze Zeit traurig ist. Ich tendiere dazu, jede Kleinigkeit als persönlichen Angriff gegen mich zu nehmen, aber dieses Gefühl muss doch irgend wo herkommen. Die Schulzeit war für mich die reinste Hölle. Manch einer mag diese Gefühle und meinen Zustand damals auf die Pubertät schieben, doch für mich waren diese Gefühle nicht "normal". Das Kranke an unserer Gesellschaft ist, dass sich diejenigen, die nicht davon betroffen sind, das nie verstehen werden und wollen. Ich wurde für die Dinge, die ich aufgrund meines Zustandes getan habe, verurteilt. Nicht einmal fragte mich jemand, ob alles okay sei. Ich rede nicht von meinen Mitschülern, sondern vor allem von den Lehrern; Menschen, die für die Sozialisation vieler Kinder verantwortlich sind! Anstatt zu fragen, gaben sie mir unabhängig von meinen Leistungen im jeweiligen Fach schlechte Noten. Das ist genau das was ich meine. Ja, ich habe ein sehr schlechtes Bild von dem Schulsystem und dem Beruf des Lehrers allgemein, doch das hat seinen Grund. Die meisten Menschen sehen nur das Oberflächliche. Wenn du dich nach außen hin fröhlich und selbstbewusst gibst, wirst du auch so wahrgenommen. Wenn du ständig traurig bist, wollen Menschen nichts mit dir zu tun haben aber tun auch nichts dafür, um dich nachzuvollziehen. Ich finde es unglaublich traurig, dass viele, vor allem junge Menschen sich aufgrund dessen das Leben nehmen wollen.
Wenn es einem schlecht geht, sollte man jemanden zum Reden haben. Am naheliegendsten kommen da Freunde, Geschwister oder Eltern infrage. Aber wenn die damaligen "Freunde" mitverantwortlich für den Zustand waren und die eigenen Eltern einen nie verstehen würden und man keine Geschwister hat, wer kommt da noch in Frage? Ich habe keinen Ausweg mehr gesehen und mich an meine Klassenlehrerin gewandt. Paradoxerweise. Sie wäre nicht die erste oder zweite Person, die ich fragen würde, doch es gab für mich keinen anderen Ausweg. Zumindest hat sie mich nicht dafür verurteilt. Es ist so schwer, alles in sich hineinzufressen und in dem kurzen Moment hat es sich gut angefühlt, mit jemandem darüber zu reden. Sie schlug mir vor, eine Therapie anzufangen und es hat mich die größte Überwindung gekostet, doch ich habe es gemacht.
Und heute? Heute mit 23 Jahren ist es immer noch nicht vorbei. Ich kann mich nicht an das letzte Mal erinnern, an dem ich glücklich war. Täglich lebe ich mit dem Gedanken, mein Leben zu beenden. Nichts motiviert mich und die Dinge, die mich mal glücklich gemacht haben, sind nur temporär. Ich kann mich einen kurzen Moment freuen, doch sobald der Moment vorbei ist, falle ich wieder ins Loch. Manchmal will ich nicht mal aufstehen und wünschte, ich würde aus meinem Schlaf nie wieder aufwachen. Der Tod wäre eine Erlösung. Ich habe soziale Ängste und kann nicht mal die einfachsten Dinge machen, die für andere selbstverständlich sind. Der Gedanke, dass ich irgendwo Kontakt mit (fremden) Menschen haben muss macht, dass ich diese Situationen lieber vermeide.
Ich habe das Gefühl, alles was ich mache ist schlecht und ich werde nie etwas im Leben erreichen. Ich habe zwar noch Ziele im Leben, doch meine Ängste sind so stark dass ich niemals daran glauben kann, sie jemals zu erreichen. Beinahe jeder einzelne Mensch, der in mein Leben getreten ist hat mich verlassen. Ich verstehe es bis heute nicht aber kann sie auch nicht dafür verurteilen. Ich würde ja selbst nicht mit mir befreundet sein wollen. Und alles was man an dieser Stelle zu hören bekommt wäre "reiß dich mal zusammen". Aber du bist nicht ich und kein anderer Mensch wird einen anderen Menschen jemals zu 100% verstehen können, denn jeder Mensch ist anders und hat andere Gefühle. Ich möchte nicht verstanden werden, denn wenn mich jemand versteht, würde es ihm genauso schlecht gehen wie mir. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin und hoffe nur, dass diesen Menschen zugehört wird. Ich sage euch, kein Mensch mit Depressionen braucht Tipps oder jemanden, der ihn aufmuntert. Es reicht schon, wenn eine Person nur still dasitzt und zuhört. Es ist ein Thema, das immer noch aktuell ist und es wird auch immer aktuell sein. Es ist egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist, jung oder alt - jeder könnte davon betroffen sein. Selbst jemand, der nach außen hin immer fröhlich wirkt, kann so viel zu verstecken haben. Jeder Mensch hat eine Geschichte und bevor man jemanden verurteilt, sollte man nachdenken. Du kannst nicht kontrollieren, wie deine Worte bei jemand anderem rüberkommen. Für dich mag es lustig sein, jemanden "fett" zu nennen, für den anderen ist es nur eine Bestätigung in seiner verzerrten Wahrnehmung seiner Selbst. Ich möchte kein Mitleid, kein Verständnis, nur Toleranz. Denn es ist ein täglicher Kampf und ein ewiger Teufelskreis, dem ich nicht entkommen kann.

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8 Kommentare/ Read More

  1. Alles kenne ich sehr gut, weil ich selbst auch die gleichen Probleme habe wie du(Depression, Angststörung, soziale Phobie). Von daher versteh eich dich sehr gut. Mittlerweile geht es mir aber soweit wieder richtig gut, weil ich mehrere Therapien gemacht habe und auch in Kliniken war. In Frankfurt gibt es eine sehr gute Klinik. Da war ich schon zweimal.

    viele liebe Grüße
    Melanie / www.goldzeitblog.de

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  2. Ein toller ehrlicher Text! Ich habe einen nahen Anverwandten mit starken Depressionen und kriege so ständig mit, wie sehr diese Krankheit unterschätzt wird =/
    Love, Héloise
    Et Omnia Vanitas

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    1. vielen lieben Dank! Ja, das ist leider so so schade und sollte nicht so sein.

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  3. Sehr gut und ehrlich geschrieben, liebe Sandy.
    Leider wird das Thema in unserer Gesellschaft ja wirklich sehr tot geschwiegen, obwohl es ein sehr wichtiges Thema ist. :/
    Liebe Grüße,
    alina von http://aphotojournal.de/

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  4. Wirklich toll geschrieben! Ich leide seit meiner Jugend selbst an Depressionen und einigen weiteren psychischen Erkrankungen und erkenne mich im Großteil deines Textes wieder. Schade, dass psychische Krankheiten selbst im Jahre 2018 immer noch auf Unverständnis treffen und belächelt werden... Aber super, dass du mit deinem Post wieder ein Stück weit zur Aufklärung beiträgst! :)

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    1. vielen vielen dank für deinen kommentar! du hast so recht, es wird einfach viel zu wenig dagegen unternommen, sehr schade...

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  5. Dieser Post ist so ehrlich! Vielen Dank, dass du so offen darüber sprichst. Das hat sicher viel Mut erfordert. Die Dinge, die du schreibst, kommen mir teilweise bekannt vor... Ich hoffe du entkommst dem Teufelskreis!

    Alles Liebe,
    Claudia von http://thatsmeonline.net

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    1. vielen dank! ja, habe lange überlegt ob ich den text veröffentlichen soll... ich danke dir sehr. ich hoffe dass auch du dem entkommst! <3

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